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Football under cover

Denkt man an den Iran, denkt man sicherlich an alles Mögliche, nur nicht an Frauenfußball. Doch genau der ist Ausgangspunkt dieser schönen Dokumentation, die viele Ebenen berührt. Im Versuch eines Berliner Frauenfußballteams, ein Spiel gegen das Nationalteam des Iran zu organisieren, zeigen sich kulturelle Unterschiede und Ähnlichkeiten. Menschen aus zwei Welten prallen aufeinander, die auf den ersten Blick ganz anders sind, in ihren Zielen und Träumen jedoch kaum zu unterscheiden.

Karten gibt es an der Abendkasse. Hier könnt ihr vorab reservieren!

Datum: 16.Sep. 2022 - 20.00 Uhr
Eintritt: 5 Euro

Die Regisseurin Marlene Assmann wird anwesend sein.Let's Dok Logo

Football under cover

Wir zeigen den Film im Rahmen der bundesweiten Dokumentarfilmtage LET'S DOK.

Die Spielerinnen des iranischen Fußballnationalteams können es in Punkto Leidenschaft mit jedem anderen Team der Welt aufnehmen. Doch was ihnen fehlt, ist ein Team, gegen das sie spielen können. Als Marlene, Linksverteidigerin eines Berliner Amateurvereins, davon hört, beschließt sie, das zu ändern und fasst den Plan, mit ihrem Team für ein Freundschaftsspiel nach Teheran zu reisen.

Bei einer ersten Organisationsreise lernt sie Niloofar kennen, die von David Beckham träumt und als Sportlerin unter dem repressiven System ihres Landes leidet. Bei allen kulturellen Unterschieden verbindet die beiden die Liebe zum Fussball und ihre unbeirrbare Entschlossenheit, das Spiel auch ohne offizielle Unterstützung zu realisieren. Nach einem Jahr vergeblicher Bemühungen reist Marlenes Team nach Teheran, um das Spiel ihres Lebens zu spielen.

Vor mehr als 1000 jubelnden Frauen findet in Teheran das erste offizielle Freundschaftsspiel zwischen dem iranischen Frauen-Nationalteam und einem Berliner Frauenbezirksteam statt. Die Mädchen beider Teams haben ein Jahr lang hart gearbeitet, um diesen Tag zu ermöglichen. Doch nach Überwindung zahlreicher Hindernisse, wird tatsächlich gespielt. Und diese 90 Minuten sind mehr als ein Fußballspiel. Das Stadion steht "unter Strom", es entlädt sich der Wunsch nach Selbstbestimmung und Gerechtigkeit, und es wird klar: Veränderung ist möglich.

Kopfball mit Kopftuch
Jubelgesänge, Volksfeststimmung – das kennt man aus vielen Stadien. Doch bei diesem Fußballspiel ist alles anders: auf den Rängen und dem Rasen ausschließlich Frauen, die Spielerinnen mit Kopftuch und in langen Hosen. Über das erste Spiel einer deutschen Frauenmannschaft gegen das iranische Nationalteam haben Ayat Najafi und David Assmann einen beeindruckenden Dokumentarfilm gedreht.
Die Geschichte klingt unglaublich, doch sie ist wahr. Im Iran dürfen die Frauen tatsächlich Fußball spielen. Das sehen die Mullahs zwar ungern beziehungsweise gar nicht, denn Männer müssen sowieso draußen bleiben. Doch das Powerplay der Mädchen und jungen Frauen ist so groß, dass sie inzwischen eine eigene Liga erkämpft haben. Kein schlechter Treffer in einem Land, wo das „Kopftuch wichtiger ist als das Spiel“, wenn es nach den grimmig dreinblickenden, ganz in Schwarz gehüllten Sittenwächterinnen geht.
Per Zufall hörte Marlene Assmann von der iranischen Nationalmannschaft, die immer nur trainieren, aber nicht spielen darf, weil die Regierung keine ausländischen Gegnerinnen ins Land lässt. Marlene ist Linksverteidigerin beim BSV AL-Dersimpor in Berlin-Kreuzberg und studiert Montage an der Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Sie hatte gemeinsam mit dem jungen iranischen Regisseur Ayat Najafi eine Idee: warum nicht mal bei den Mullahs nachfragen, ob denn die Dribbelkünstlerinnen aus Kreuzberg ihren Kolleginnen in Teheran vielleicht ein wenig Spielpraxis verschaffen dürften.

Das war ebenso frech wie naiv. Und so schickt uns der Film mit einem abenteuerlichen Steilpass in ein fremdes Land und eine Kultur, die weder aus westlicher noch aus iranischer Sicht so ganz zu durchschauen ist. „Im Iran ist alles unmöglich und im Iran ist alles möglich“, sagt Ayat Najafi, der nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera agiert, nämlich als iranischer Kontaktmann und Organisationshelfer von Marlene. Wie sich die Akteure im Behördendschungel fast verdribbeln, wie sie sich in einer Mauer aus Wadentretern und Tricksern festrennen und wie sie mit offensivfreudigem Hurra trotzdem losstürmen – das lässt uns der Film aus der Innenperspektive miterleben. Er baut damit eine Spannung auf, die fast vergessen lässt, dass es sich um eine Dokumentation handelt. Und dass das alles wirklich passiert ist, von den ersten Reise Marlenes nach Teheran im Jahr 2005 bis zum Anpfiff im April 2006.

Football Under Cover heftet sich an die Stollenschuhe von vier jungen Frauen, zwei Berlinerinnen und zwei Iranerinnen. Er begleitet die Begegnung der überlegt agierenden Marlene mit der rebellisch-emotionalen Narmila, er berichtet von der Fußballleidenschaft der angriffslustigen Susu und der ehrgeizigen Nilofaar. Er erzählt von den komplett verschiedenen Lebensumständen und von den gar nicht so unähnlichen Motiven. Für alle vier ist der Sport ein Ansporn, am Ball zu bleiben, eine Sache durchzuziehen und sich zu behaupten, nicht zuletzt gegenüber den Männern. Fußball ist ein Stück Freiheit, nicht nur für die Iranerinnen.

Und so sehen wir in einer der schönsten Einstellungen, wie Narmila allein in einem kleinen Wald trainiert: Sie umdribbelt die Baumstämme, sie lässt den Ball leichtfüßig gleiten, sie taumelt fast durch das Grün. „Fußball setzt Glückhormone frei“, sagt ihre Berliner Kollegin Susu. Aber er weckt auch den Widerspruchsgeist. Als die iranischen Zuschauerinnen in der Halbzeitpause ihre Mannschaft mit Freudentänzen feiern, wird die Stadionsprecherin wegen der lustvollen und ausgelassenen Stimmung nervös. Sie untersagt das „ungehörige Benehmen“. Die Frauen hören zwar auf zu tanzen, aber nun skandieren sie politische Parolen: vom Grundrecht, ins Stadion zu gehen, und von der Ungleichheit der Geschlechter. Irgendwie ist im Frauenfußball eben doch alles anders.

Eine Filmkritik von Peter Gutting aus "Kino Zeit"

  • Datum:: 16.Sep. 2022 - 20.00